La mala education

15.12.13 La mala education
S/2004 Regie: Pedro Almodovar
Kirche, Missbrauch, Liebe, Verderben

Einführung: Simona Sinescu

Zum Regiseur
Pedro Almódovar wurde geboren am 24. September 1951 in einem kleinen Dorf bei
La Mancha in der Provinz Ciudad Real, als ältester Sohn einer Familie von
Landarbeitern. Im Alter von acht Jahren zieht er mit seiner Familie nach Cáceres
um, in die Extremadura des damals franquistischen Spanien. Dort besucht er die
Schule und absolviert sein Abitur an einem Konvent der Salesianer und
Franziskaner.

Die von den Mönchen vermittelte religiöse Erziehung wirkt sich nicht förderlich auf
seine Beziehung zur katholischen Kirche und seinen Glauben an Gott aus.
Almodóvar formuliert es folgendermaßen: „Ich war zwölf und wenn mich jemand
gefragt hätte: <Was bist du?>, so hätte ich geantwortet: „Ich bin Nihilist.““
Er beschreibt die frühen Jahren seines Lebens so: „Meine Kindheit war nicht traurig,
aber fröhlich war sie auch nicht (...) Glücklicherweise hat mich nichts traumatisiert,
weil ich von Natur aus sehr positiv bin und weil ich mich eben in die Lektüre und ins
Kino flüchtete, was mir ein enormes Vergnügen bereitete (...)“ Hier in der kleinen
Ortschaft Cáceres, in den lokalen Kinos, entwickelt er seine Leidenschaft für die
Welt des Films.

Bereits im Alter von 16 Jahren zieht er alleine und ohne Geld nach Madrid, mit dem
Vorhaben, Filmkunst zu studieren und selbst Filme zu machen. Da die Filmschule
unter der Diktatur Francos geschlossen worden ist, arbeitet er zunächst als
Verwaltungsangestellter bei der staatlichen Telefongesellschaft Telefónica, wo er
die nächsten zehn Jahre bleibt. Das mühsam verdiente Geld investiert er in eine
Super8 Kamera und fängt an, auf eigene Faust zu filmen. Nach Feierabend geht er
seinen künstlerischen Interessen nach, besucht fast täglich das Kino und erkundet
die Subkultur der Hauptstadt. „Ich habe mir gesagt, es sei wichtiger zu leben, und
das würde meine Ausbildung sein, in allen Bereichen.“, beschreibt Almodóvar diese
Phase seines Lebens. Als Autodidakt erlernt er das Filmhandwerk mit
Drehbuchschreiben, Theatervorführungen und Dreharbeiten.
Das Franco Regime und die katholische Kirche haben das Spanien der sechziger
Jahre geprägt. Mit dem Tod Francos im Jahre 1975 und der Einführung der
Demokratie ist Almodóvar zu einer der Pioniere und Hauptakteure der la movida
madrilena geworden, einer Avantgarde-Bewegung von jungen Spaniern aus der
Hauptstadt, die sich aus der Umklammerung der Diktatur befreien und sich vor
allem durch Alternativ- und Punkbewegungen ausdrücken. Es gilt, mit den
faschistischen, diktatorischen und konservativen Strukturen, aber auch mit den
Dogmen der Kirche, zu brechen und alle bis dahin verwehrten Freiheiten schrill,
exaltiert und hedonistisch auszuleben.

In dieser Zeit probiert sich Almodóvar aus und schreibt, schauspielert, übernimmt Regie und spielt sogar in einer Punkband. 1980 schließlich produziert er seinen ersten Kinofilm in voller Länge: Pepi, Luci, Bom y otras chicas del montón. Der Film reflektiert am besten die Zeit der la movida, wird ein Erfolg und bezeichnet den Anfang einer steilen Karriere.

Markenzeichen von Pedro Almodóvar
Aufgetaucht aus der movida, gilt Almodóvar als Ausnahmeregisseur, der sich fern
von kommerziellen Filmklischees bewegt. Seine Filme beinhalten meist ein
autobiografisches Element und spiegeln dadurch die spanische Gesellschaft
eindringlich wider. Ein wichtiges Element in seinen Filmen ist die Korruption
(innerhalb traditioneller Familien, der Regierung oder der katholischen Kirche), die
er nach 50 Jahren Diktatur, ans Tageslicht brachte.

Er befasst sich, vor allem im Hinblick auf Madrid, ebenfalls mit gesellschaftsproblematischen Themen die früher zensiert oder verboten wurden. Korrupte Polizei, Homo- und Transsexualität, Drogen, HIV, Prostitution, Sex und Missbrauch zeigt Almodóvar in seinen Filmen unverblümt. Obwohl seine Filme einen kritischen Charakter haben und sich mit Gesellschaftsproblemen auseinander setzen, verfällt der Regisseur nicht in übertriebene Ernsthaftigkeit oder Dramatik.
Die Protagonisten Almodóvars stammen aus der spanischen Mittelklasse oder sind
gesellschaftliche Randfiguren. Beispielsweise die anonyme, unzufriedene Hausfrau,
die schließlich ausbricht und sich dem Elend und Trübsal stellt. Auch Prostituierte,
Transvestiten, schwangere Nonnen und Drogenabhängige kommen zur Genüge in
seinen Filmen vor. Stets sind seine Filme mit einem für ihn typischen Humor
durchzogen und erinnern an Kitsch, Satire, Parodie, Pop Art und schwarzen Humor.
Dazu sagt er: „Der Humor ist die Waffe der Spanier gegen alles, was sie leiden
lässt und ihnen Angst macht. Er ist ihre Waffe gegen den Tod.“ Zum Kitsch äußert
er sich so: „Der Kitsch schützt meine Schamhaftigkeit, und das ist mir sehr wichtig.“
Schrill, schräg und spanisch – so ist Pedro Almodóvar.

Wie viele seiner Filme beinhaltet La mala educacion autobiografische Elemente.
Hier verarbeitet er seine Erfahrungen aus der Kindheit: Die religiöse Erziehung im
Internat und seine Liebe zum Kino. Dies sei, sagt der spanische Autor und
Regisseur, sein persönlichster Film, im Kern basierend auf Kindheitserfahrungen in
einem katholischen Internat.

La mala educacion ist nicht der erste Film in dem er mit der katholischen Kirche
abrechnet. Schon 1983 drehte er „Das Kloster zum heiligen Wahnsinn“, ein
abgedrehter Film in dem Nonnen drogenabhängige und lesbische Mörderinnen
sind. Dabei handelt es sich nicht um eine antiklerikale Satire. Die Anwesenheit einer
persönlichen Beziehung zu Gott fehlt in diesem Film gänzlich, wobei die leeren
Formen der Rituale (Gebete, Gesänge, Bußen), die Schauplätze (Kirche, Altäre)
und die Requisiten (Kreuze, Heiligenbilder usw.) markant bleiben. Die Profanierung
des Heiligen soll nicht die Religion angreifen sondern entspricht in der Verwendung
weltlicher und menschlicher Schwächen eher eine Heiligsprechung des Profanen.
Deshalb hat dieser Film auch keine große Aufregung seitens der Kirche
hervorgerufen.

Im Gegensatz dazu machte Almodovar mit dem Gesetz der Begierde 1987 die
Kirche auf sich aufmerksam. In diesem Film dringt die Heldin Tina, eine
Transsexuelle, in die Kapelle ihrer ehemaligen Schule ein und stellt den
orgelspielenden Priester, ihren einstigen Geliebten, zur Rede. Die Kirche
bezeichnete den Film als blasphemisch und versuchte ihn zu verbieten. Das
Gesetz der Begierde ist zugleich einer der persönlichsten Filme Almodóvars:
Neben der Thematisierung von Homosexualität deutet er in einer Schlüsselszene
sein gebrochenes Verhältnis zu katholischen Priestern an, das er in La mala
educación - Schlechte Erziehung vertieft.

Almodóvars Werk ist gekennzeichnet durch melodramatische Szenen mit vielmals
verblüffenden Wendungen. Ein zentrales Thema seiner Werke sind menschliche
Beziehungen und der Wunsch nach Nähe. Almodóvars Figuren, die häufig
gesellschaftliche Randfiguren und Ausnahmeerscheinungen sind, versuchen
Sicherheit, Geborgenheit und Liebe zu finden, um ihre Einsamkeit zu überwinden
und erreichen dies oft mit ungewöhnlichen Mitteln.
In vielen seiner Filme, beispielsweise: Frauen am Rande des
Nervenzusammenbruchs, Kika, Alles über meine Mutter, Sprich mit ihr, Volver
überzeichnet Almodovar seine Frauenfiguren. Er stilisiert sie zu Ikonen, macht sie
stark aber auch zerbrechlich. Frauen in Krisen, Frauen jeder Profession und jeden
Alters, alle gemeinsam mit enormer Energie, Leidenschaft und Lebensbejahung,
allen Katastrophen zum Trotz, den Anfeindungen des Lebens die Stirn bietend.
Überhaupt sind Leidenschaft und Begierde zentral und überall zu finden in den
Filmen von Almodovar. Seine Produktionsfirma, die er mit seinem Bruder in den
80er Jahren gegründet hat heiß „el deseo“ – die Begierde.
Er selbst sagt: „Leidenschaft gehört untrennbar zum Leben und damit zum
Filmemachen. Beim Drehen gibt es Freude, Leiden, Lachen und Tränen – das ist
fast wie in einer Liebesbeziehung“.

Nun präsentiert er in „Schlechte Erziehung“ eine semibiografische Abrechnung mit
der katholischen Kirche. Hier spielen fast ausschließlich Männer eine Rolle. Der
homosexuelle Regisseur stellt oft in seinen Filmen das Geschlechterverhältnis auf
den Kopf und definiert es neu. Männer treten als Transvestiten oder Transsexuelle
auf, der „wahre“ Mann also in die Rolle der Frau. Damit dekonstruiert Almodovar
das traditionelle Selbstbild des spanischen Mannes und das spanische Machismo.
„La mala education ist ein Film über Männer, die eine Entscheidung treffen
müssen“ sagt Almodovar. „Dieser Priester verliebt sich. Aber nur weil diese Liebe
verboten ist, heißt das ja nicht, dass sie von minderer Qualität wäre. Dieser Film
sollte nie ein Manifest gegen die Kirche werden. Die Rolle des Priesters fällt
keineswegs düsterer aus, als die der beiden anderen Figuren“. Und auf die Frage,
ob er eine Obsession für Transsexuelle hätte, antwortet er:
„Ich habe ganz einfach schon viele getroffen – und einige davon leben zum Glück
sogar ziemlich zufrieden. Diese Balance zu halten ist gewiss nicht einfach. Es ist
ein tragisches Schicksal, sich im falschen Körper geboren zu fühlen. Im realen
Leben bewundere ich den Mut und die Energie dieser Menschen. Im Kino schätze
ich den dramaturgischen Effekt, denn Transsexuelle lösen immer eine Reaktion
beim Zuschauer aus.“

Handlung von „Schlechte Erziehung“
Im Spiegel wurde der Film als virtuos bezeichnet. Er erzähle mit seiner
unvergleichlich melancholischen Eleganz vom Begehren und begehrt werden
als eine Sache auf Leben und Tod.

Als Meisterwerk mit Widerhaken, erotisch, sinnlich und erbarmungslos wurde
der Film im Blickpunkt: Film gelobt: Der Film sei von schmerzhafter Schönheit
und ein typischer Film von Almodóvar.

film-dienst schrieb über La Mala Educación: „Pedro Almodóvar erzählt in
Bildern von atemberaubender Schönheit, eine düstere, vom Film Noir,
inspirierte Geschichte, wobei die Femme Fatale ein junger Mann ist, der
seine erotische Verführungskraft skrupellos einsetzt.
Einen film noir hat Pedro Almodóvar selbst sein Werk genannt und benennt als
größtes Vorbild Billy Wilders Klassiker Frau ohne Gewissen, den schwärzesten
Film der schwarzen Serie. Zwar spielt die Geschichte im Homosexuellen Milieu,
dieses ist aber nicht elementarer Bestandteil der Konflikte, welche die Handlung
vorantreiben. Das tiefsinnige Drama wird von dem exquisiten Darsteller-Ensemble
getragen, allen voran der Mexikaner Gaël García Bernal, der von Almodóvar auch
deshalb ausgewählt wurde, weil er sowohl als (verkleidete) Frau, wie als Mann
ungewöhnlich attraktiv ist.

Ein Feuilleton-Artikel aus der FAZ beschreibt den Film so:
„Dieser Film ist eine Zwiebel. Er ist aus Schichten gebaut, aus vielen kleinen
Erzählungen, die einander umschließen und schützen, so dass der innerste Kern,
das Samenkorn, am geschütztesten von allen ist. Geschützt wovor? Vor Blicken.
Vor Bildern. Also vor dem, worum es im Kino gerade geht. Und weil "Schlechte
Erziehung" ein besonders raffiniertes Stück Kino ist, kann der Film sein Samenkorn
eine Weile vor unseren Blicken verbergen. Aber dann muss es doch heraus - das
Bild, um das die Geschichte kreist, ihre blaue Blume, ihr blühendes Geheimnis.“
Der Film bezieht einen Großteil seiner Wirkung aus seinem verschachtelten Aufbau:
Drei Zeitebenen – Kindheitsvergangenheit der Protagonisten in der Klosterschule
(etwa 1964), etwa 13 Jahre später die Erpressung von Padre Manolo/Señor
Berenguer durch Ignacio und dessen Ermordung durch Juan und Señor Berenguer
(1977) und drei Jahre später die Filmgegenwart von Enriques Stoffsuche, Liebe zu
Juan und Dreharbeit (1980) – werden miteinander verschränkt, Ebenen, von denen
nie völlig klar ist, inwieweit sie filmische Realität oder „Film im Film“ sind. Das wird
durch die Einführung der autobiografischen Erzählung von Ignacio im Drehbuch
„Der Besuch“ ermöglicht, die Enrique, der Regisseur, bei der Lektüre sofort in
Filmbilder umsetzt, die der Zuschauer zu sehen bekommt.

Die Struktur von La mala educación wird weiterhin kompliziert dadurch, dass
Zahara/Ignatio, der transsexuelle Bruder Juans, in Enriques Verfilmung von Juan
gespielt wird, sodass in seiner Darstellung zwei Personen verschmelzen, während
Padre Manolo und Señor Berenguer, ein und dieselbe Person in unterschiedlichen
Lebensphasen, von zwei verschiedenen Darstellern gespielt wird. Letzteres gilt
auch für Enrique, der in der Filmwirklichkeit Goded heißt, im Film im Film jedoch
Serrano und von einem anderen Darsteller gespielt wird.

„Als Ignacios Mörder - sein Bruder Juan und der zum Verlagslektor gewandelte
Padre Manolo - sich ein Alibi für ihre Tat verschaffen wollen, gehen sie ins Kino.
Dort läuft gerade eine Retrospektive des film noir: Wilders Double Indemnity,
Renoirs La bete humaine, Carnes Therese Raquin. "Es ist, als erzählten alle
Filme von uns", sagt der Lektor, als sie den Saal verlassen. Almodovars Filme
erzählen auf den ersten Blick nur von Almodovar. Aber wenn man genau hinsieht,
erkennt man, dass ihre kühle Kunstfertigkeit nur ein Trick ist, um ihren Kern aus
Trauer und Wehmut zu verbergen. Da stehen zwei kleine Jungs in einer Kirche und
sehen sich an. Und ein dritter steht dabei und sieht ihnen zu. Der Pater. Der
Regisseur. Der Zuschauer. In La mala educacion werden ihre drei Blicke eins.“
Der schrecklichste und zugleich komischste Satz in Pedro Almodóvars Film lautet:
"Gott ist auf unserer Seite." So spricht ein Priester, der sich anschickt, seine
pädophilen Umtriebe durch einen Mord zu vertuschen.

Die katholische Kirche, für die Almodóvar ohnehin wenig Sympathie hegt, bekommt
ihr Fett weg. Es ist sicher kein Zufall, dass er die Geschichte, an der er nach
eigenen Angaben schon über zehn Jahre arbeitete, zu einer Zeit verfilmte (2004),
als überall der Unmut über den jahrelang geduldeten sexuellen Missbrauch
hochkocht, sei es in Irland, in den USA oder Österreich. Almodóvar hat mit dieser
sehr persönlich gefärbten Geschichte einen kleinen aber feinen Beitrag zum Thema
Klerus, Homosexualität und Missbrauch geliefert.

Statements von Almodovar zu der Kirche
Pedro Almodóvar selbst sieht sich vom Einfluss der katholischen Kirche befreit.
"Dieser Verein ist für mich nicht mal mehr ein Schreckgespenst", sagte der
Regisseur dem Magazin "Männer". "Auf mein Leben hat die Kirche trotz meiner
Erziehung nicht mehr den geringsten Einfluss", erklärt er. Deshalb müsse er auch
nicht mehr dagegen ankämpfen. In der katholischen Kirche gehe es um
Geheimniskrämerei und Verschwiegenheit, um Strafe und Sünde, das habe mit
seinen Filmen und mit ihm nichts mehr zu tun.

In einem weiteren Interview sagt er: „Ich persönlich bin Agnostiker und
ausgesprochener Gegner der Kirche – einer Institution, die in Spanien immer schon
der größte Verbündete der Mächtigen war. Die spanische Kirche ist für die
schlimmsten Dinge in unserer Geschichte verantwortlich. Durch die jüngsten
Parlamentswahlen wird diese Entwicklung hoffentlich eingeschränkt. Bis vor kurzem
wollte die Kirche bei uns sogar getrennte Schulen für Jungen und Mädchen
einführen.“

Zu seiner Erziehung im Kloster äußert er sich „Damals war ich schon ganz gegen religiöse Erziehung. Ich wusste von Anfang an, dass die Priester mir nichts zu sagen hatten. In 'Die Katze auf dem heißen Blechdach', einem Film von Richard Brooks, der für die Kirche der Inbegriff der Sünde war und der auf dem Werk von Tennessee Williams basierte, erkannte ich mich vollständig wieder und ich sagte mir: Zu dieser Welt der Sünde und der Entartung gehöre ich auch.“

Almodóvar wirft der katholischen Kirche vor, an einer veralteten Vorstellung von
Familie festzuhalten: „Es ist doch völlig irrsinnig, nicht anzuerkennen, wie
Abermillionen Menschen heute leben“, sagte der Regisseur in „Die Zeit“. „Warum
spaziert der Papst nicht einfach mal aus dem Vatikan heraus und schaut sich an,
was heute eine Familie ist?“ Die Familien in seinen Filmen seien realer als die
„katholische Variante“. „Seit mehr als zwanzig Jahren drehe ich Filme, in denen
eine Familie eine Gruppe Menschen ist, in deren Mitte es ein kleines Wesen gibt,
um das sich die anderen kümmern“, sagte Almodóvar. Dabei sei es „egal, ob die
Gruppe aus getrennten Eltern, Transvestiten, Transsexuellen oder AIDS-kranken
Nonnen besteht“

Die Berliner Morgenpost fragt ihn, ob die katholische Kirche diesen Film gutheißen
würde. Pedro Almodóvar antwortet: „Das glaube ich kaum. Sie haben Angst vor
allem, was mit Sex zu tun hat. Sie wollen nicht, dass man über Sex redet, sie
praktizieren ihn lieber heimlich. Verschwiegenheit ist einer der Grundpfeiler der
katholischen Kirche. Ich wurde im Spanien der 50er, 60er Jahre von Priestern
erzogen, habe das aber aus meinem Gedächtnis verbannt. Mich verfolgt da nichts
mehr, ich muss gegen nichts ankämpfen. Ich kämpfe nicht gegen die Religion,
sondern nehme und eigne mir an, was mich an ihr interessiert.“

War man nun enttäuscht von diesem eher rechtschaffenen Schwulendrama oder
dem Film eher dankbar dafür, dass er keine Notwendigkeit sieht, sich reißerisch
oder antiklerikal zu gebärden? In seinem überaus verwickelten und bunten Plot
wäre auch gar kein Platz mehr für eine solche Kritik. Almodóvar bestätigte auf
Nachfrage, dass die Kirche ihr eigener größter Feind sei, zumindest in Spanien.
Den Katholizismus benötigte er dennoch - als dekoratives Element.